In Erwarten steckt "warten"!

 

 

"Ich fühle mich wirklich diskriminiert, dass ich in diesem Hotel jedes mal fragen muss, ob irgendwo Schweinefleisch enthalten ist und die hier nicht in der Lage sind, das aufzuschreiben!" Sichtlich erbost, beschwerte sich einer meiner Teilnehmer, aus einem afrikanischem Land stammend, bei mir. Mein lieber Schwan, dachte ich so bei mir, der hat eine Erwartungshaltung, die ist ja unmöglich! 

 

Und so hab ich ihn denn auch gefragt, wieso er vom Hotel erwartet, dass man auf ihn Rücksicht nimmt. Ich verwies darauf, dass wir Teilnehmer im Kurs haben, die allergisch auf Nüsse reagieren, keine Milch vertragen, vegan leben, eine Fruchtzuckerunverträglichkeit haben oder auf Histamine allergisch reagieren. Ich habe ihm gesagt, dass ich eine Hausstauballergie habe und mit dem Teppichboden nicht wirklich klar komme, die Betten für meine Bandscheiben ungeeignet sind und es mir bisweilen zu laut ist. Ein anderer Teilnehmer findet es nicht gut, dass zum Mittag Alkohol in Form von Bier ausgeschenkt wird (die Szene spielt in Bayern).

 

Allen ist gemein, dass sie es akzeptieren, dass es ist, wie es ist und sie entweder fragen, ob es andere Lebensmittel oder ein ruhigeres Zimmer gibt oder aus der Situation das Beste machen und sich nicht beschweren.

 

Auf die gestellte Frage antwortete er: "Ich bin Gast und habe dieselben Rechte wie die deutschen Gäste." "Unmöglich", dachte ich erneut bei mir. Und so konnte ich mich auch nicht zurück halten, ihm zu sagen: "Ja, Du hast Recht. Du hast das Recht zu essen, was Dir und den deutschen Gästen angeboten wird. Du hast das Recht, das angebotene Essen stehen zu lassen. Du hast das Recht, dass man Dich gleich behandelt. Du hast das Recht, dass man Dir über die Zutaten Auskunft gibt, wenn Du fragst. Und Du hast das Recht dieses Hotel künftig zu meiden. Aber Du hast nicht das Recht zu verlangen, dass sich alles an Deinen Bedürfnissen und Deinen Erwartungen ausrichtet. Und Du hast erst Recht nicht das Recht, Dich darüber in einem solchen Ton zu beschweren."

 

Leider erlebe ich tagtäglich, dass vor allem Männer aus der arabischen und afrikanischen Welt normative Erwartungen an die Verhaltensweise anderer haben, die sich nicht einmal im Ansatz selbst bereit sind, dem anderen entgegen zu bringen. Das ärgert mich nach wie vor und ich akzeptiere ein solches Verhalten auch nicht, weshalb ich dieses Thema dann auch jedesmal offen anspreche. Meist zeigen sich die Gesprächspartner einsichtig, was aber nicht lange anhält.

 

Die innere Haltung gegenüber ihren Mitmenschen verändert sich eben nicht im Gespräch, sondern nur durch langes und intensives Arbeiten an dieser Haltung. Dass hierzu gar keine Bereitschaft besteht, erklärt, warum die so viel zitierte Integration nicht funktioniert. Wer nicht intrinsisch will, der ist durch keine politische Maßnahme zur Integration zu bewegen. Die Verantwortung für Integration liegt nicht bei uns, sondern bei dem zu Integrierenden. Ich würde mir mehr Ehrlichkeit in diesem Punkt wünschen, denn das würde die Diskussionen sicherlich vereinfachen.  

 

Am Abend hab ich mir dann erstmals Gedanken über den Begriff "Erwartungen" gemacht. Was ist das eigentlich? Begrifflich steckt hinter einer Erwartung die Annahme wie etwas anderes oder jemand anderes sich verhält (antizipatorisch) oder verhalten sollte (normativ). 

 

Es ist unser genetisches Grundmuster, durch Bildung von Prognosen (Hypothesen) schneller reagieren zu können. Es ist einfacher und sicherer, erst eine Prognose zu erstellen und dann zu warten, was passiert, als auf etwas Geschehenes zu reagieren. Die kurze Zeitspanne zwischen diesen beiden Vorgehensweisen entscheidet in der Natur über Leben und Tod.

 

Dieses Grundmuster prägt unser gesamtes soziales Handeln: Von der alltäglichen Verhaltensweise bis hin zu Religion und Sozialkultur. Formulierte Erwartungen lassen also einen tiefen Schluss auf die innere Einstellung, die der Prognosenbildung immanent ist, zu. Wer - wie mein Teilnehmer - eine derart hohe Erwartungshaltung an andere hat, dass diese sich auf ihn einstellen, sieht sich selbst im Zentrum und stellt sich höher als die anderen. Ihn treibt nur ein Gedanke: "Der andere muss doch..." So denkend, darf man sich indes nicht wundern, wenn "der andere", das ganz anders sieht. Dann wartet man eben und ist frustriert. 

 

Aber nicht nur mein Teilnehmer hatte hohe Erwartungen an andere. Seien wir ehrlich. Wir alle haben doch bestimmte Erwartungen an andere (und auch an uns selbst). "Das muss er doch sehen", "dafür muss er sich entschuldigen", "er muss mir jeden Wunsch von den Augen ablesen", "er muss zurück kommen". Wundert euch bei solchen Erwartungen nicht, wenn ihr auf deren Eintritt wartet! 

 

Wie geht man denn nun mit diesen "Erwartungen" um, wenn man nicht permanent enttäuscht sein will, wenn sie nicht eintreten? 

 

Hier ein paar nützliche Tipps:

Fragt euch zunächst einmal, woher die Erwartungen, die ihr habt, kommen. Sind sie vielleicht zu hoch angesetzt? Sind sie wirklich realistisch? Macht euch klar, dass der Preis, den ihr für zu hohe Erwartungen zahlt, Frust, Trauer, Ärger, Enttäuschung und Depressionen sein kann. 

 

Fragt euch, warum der andere sich verhalten sollte, wie ihr es erwartet. Fragt euch, wieso das eintreten sollte, was ihr erwartet.

 

Und dann fragt euch, was ihr selbst dazu beitragen könnt, dass es so eintritt, wie ihr es erwartet. Ihr seid es, die aus unmöglich möglich macht. 

 

Wenn ihr etwas dazu beitragen könnt, dann tut es! Wenn ihr etwas dazu beigetragen habt, dass der andere das nicht tut, revidiert, was ihr getan habt.

 

Wer einem anderen sagt "Ich ruf Dich an - ruf mich nicht an", darf sich nicht wundern, wenn der andere sich nicht meldet. Wenn ihr im Streit auseinander gegangen seid, macht den ersten Schritt. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Stärke! 
Und wenn ihr etwas nicht ändern könnt, dann akzeptiert, dass es ist, wie es ist. Aber auch nur dann!

 

Ich wünsche euch noch einen schönen Sonntag und einen guten Start in die neue Woche!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Als

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